Männergruppen von Gorillas in Zoos

 

1997 verlässt Gorilladame BIANKA den Loro Parque auf Teneriffa und "zieht" in den Nürnberger Tiergarten um. Das ist die Geburtsstunde der europäischen Zoos, erstmalig eine reine Männergruppe bei den Gorillas auszuprobieren. Da nur ein männlicher ausgewachsener Gorilla, ein „Silberrücken“ eine Gruppe anführen kann, wusste man bereits Ende der 80iger Jahre nicht wohin mit den vielen männlichen Tieren.

 

Von Freilandstudien kannte man das Phänomen, dass sich sogenannte Schwarzrücken (so werden junge männliche Gorillas genannt) zu Paaren oder sogar Gruppen zusammenschließen. Zur Entwicklung eines Schwarzrückens gehört es, dass sein Vater ihn irgendwann einmal nicht mehr in der Gruppe duldet. Es kommt vermehrt zu Auseinandersetzungen. Die Heranwachsenden verlassen die Familie und streifen alleine durch den Regenwald. Bei diesen Streifzügen lernen sie andere Tiere kennen. Auch weibliche Tiere sondern sich ab und zu ab und schließen sich einem solchen Einzelgänger an.

Oktober 1995 wechselte SCHORSCH, ein damals 20jähriger Silberrücken in Nürnberg geboren und mit der Hand aufgezogener Gorilla in den Loro Parque. Nürnberg baute Ende der 90iger Jahre seine Gehege teilweise um und vor allem "endlich" ein wenig aus. Man wollte SCHORSCH eigentlich nur in Spanien „unterstellen“, so lange die Bauarbeiten anhielten. Im Juni 1995 zog MAAYABU in den Loro Parque ein, ein in Stuttgart geborener damals 7jähriger Gorilla-Schwarzrücken. Mit den Jahren freundeten sich SCHORSCH und MAAYABU an.

2011 verstarb MAAYABU, der seinem Freund SCHORSCH die letzten Jahre sehr geholfen hat sich auf der Außenanlage zurechtzufinden. SCHORSCH zog sich fast völlig erblindet nach dem Tod seines Freundes in ein Innengehege zurück. Das Innengehege hat Fußbodenheizung und seine Nahrung wird eigens auf ihn abgestimmt.

 

1992 begann Teneriffa mit der Haltung von Gorillas. Die Anlage zählte damals zu den größten Anlagen für Gorillas überhaupt. BONDO, BIANKA, YAOUNDE, NOEL und IVO zogen auf der Anlage ein. BONDO ein Wildfang verstarb 1994 in Teneriffa. YAOUNDE wechselte erst nach Nürnberg. Da ihn jedoch die Gorillafrauen dort nicht akzeptierten, wechselte er ins französische La Vallée des Singes und ist dort mittlerweile 10facher Vater. IVO verließ die Sonneninsel 2002 in Richtung Amsterdam und lebt seit 2005 im Berliner Zoo. Nur noch NOEL lebt derzeit im Loro Parque. Er ist sehr gut zu erkennen, denn er sitzt die meiste Zeit auf einem Baumstamm und beobachtet uns Menschen. NOEL ist jedoch sehr ausgeglichen und avancierte mit der Zeit zum „Leader“ der Gruppe. 2015 wechselten 2 Jungs aus Hannover nach Teneriffa. Bei der Eingewöhnung von KIBURI und UBONGO setzt man nun auf seine Erfahrung.

 

Die Haltung von Gorillas in einer reinen Männergruppe hat sich bewährt und durchgesetzt. Mittlerweile haben viele europäische Zoos eine sogenannte „Bachelor-Group“. Jungen Schwarzrücken wird dabei ein ausgewachsener Silberrücken an die Seite gestellt, an denen sich die Jungs orientieren können.

1997 wurde auch im englischen Paignton Zoo eine Gruppe mit männlichen Tieren aus Krefeld, Köln und Wuppertal etabliert. Die beiden Gruppen sorgten für viel Wirbel in der deutschen Presse. Die Überschriften kann sich jeder denken.

Wer noch heute denkt, dass Gorillas „schwul“ werden in einer solchen Haltung, dem haue ich mal die Geschichte von LEON um die Ohren.

 

LEON wurde am 31. Oktober 1998 im israelischen Zoo in Tel Aviv geboren. Er lebte 8 Jahre auf Teneriffa. 2013 wechselte er in das brasilianische Belo Horizonte. 9 Monate später stellte sich bereits mit den beiden Gorilladamen (mit denen er eine Familie gründen sollte) – Nachwuchs ein. Wobei LEON sogar eine Dame in der Erziehung und Aufzucht entlastet. Er nahm Gorilladame LOU LOU ihr Baby ab. Wie es normalerweise nur Gorillamütter es tun, trug er den kleinen SAWINDI am Arm. Das Baby durfte bei ihm auf dem Bauch schlafen und wurde Mutter LOU LOU nur zum Trinken an der Brust übergeben.

Dieses Phänomen kannte man bisher kaum bei Gorillas in Freiland. Auch dort spielen männliche Tiere durchaus mit ihren Kleinsten, aber kleine Babys werden dort nur von den Müttern umsorgt in den ersten Lebensmonaten. Alle begrüßen den Nachwuchs, aber die Mutter schirmt den Nachwuchs vor den anderen Familienmitgliedern ab. Gleiches Verhalten zeigte auch N’GOLA im Züricher Zoo 2013/4 nach einer schweren Krankheit. Er hatte bereits für mehrfachen Nachwuchs gesorgt und galt als einer der erfolgreichsten Silberrücken in europäischen Zoos. Als es ihm besser geht, nimmt er seiner Gorilladame N’YOKUMI die kleine MAHIRI ab. Sie darf auf ihn herumturnen, er lässt sie in seinem Arm einschlafen oder spielt mit ihr. Man nimmt an, dass sowohl LEON als auch N’GOLA gemerkt haben, dass die Gorillamütter mit der Aufzucht einfach überfordert sind. Da sage noch einmal jemand, dass Gorillas Totschläger sind. 

 

Seit einigen Jahren schießen die „reinen Männergruppen“ in den europäischen Zoos aus den Boden. Vor allem achten viele Zoos dabei darauf auch den Tieren genügend Raum zu bieten, dass sich einzelne Tiere zurückziehen können, wenn sie dies vorziehen.

 

Derzeit kann man in folgenden Zoos Männergruppen beobachten:

 

2002 wurde im französischen Zoo La Boissière du Doré eine Gruppe gegründet mit weiblichen Tieren als auch männlichen Tieren aus Leipzig und Stuttgart, im Moment leben jedoch 4 männliche Tiere in diesem Zoo. Der 2013/4 in die Schlagzeilen geratene VIMOTO in Wuppertal lebte übrigens dort eine Zeit lang.

Im Zoo D'Amnéville in Frankreich lebt derzeit die größte Gruppe von Junggesellen mit 8 Tieren. Vier Jungs davon wuchsen gemeinsam in Stuttgarter „Kindergarten“ auf. Man hat ihnen einen ausgewachsenen Silberrücken an die Seite gestellt.

2014 wurde im Zooparc de Beauval eine neue Gruppe zusammengestellt mit 2 jungen Gorillas aus München. Ein in Heidelberg geborener Schwarzrücken wartete schon auf die Beiden, wie auch ein älterer Silberrücken.

 

2006 wurde mit männlichen Tieren aus Apenheul im niederländischen Safaripark Beekse Bergen eine rein männliche Gruppe gegründet.

Im Ouwehands Dierenpark Zoo in Rhenen (Utrecht)/Niederlande lebt seit 2013 eine reine Männergruppe.

 

Im Zoo Schmiding/Österreich gibt es eine Gruppe von 4 Junggesellen, die zum größten Teil in München geboren wurden.


John Aspinall hat im englischen Port Lympne Wild Animal Park 2 Gruppen mit jeweils 4 männlichen Tieren. Wobei jedoch einige dieser Silberrücken separat leben, also ohne Bindung an eine Gruppe oder anderen Artgenossen. Sie waren jedoch für die Haltung in einer Männergruppe vorgesehen.

Im englischen Longleat Safari & Adventure Park leben 3 männliche Tiere zusammen.


Im Bioparc Valencia in Spanien leben 3 männliche Tiere. Es gibt jedoch auch eine Gruppe mit weiblichen Tieren in diesem Zoo.

 

Im polnischen Warschau leben 3 männliche Tiere miteinander.

Im ungarischen Sóstó Zoo leben zudem 2 männliche Tiere miteinander.

 

Die Männergruppen bei Gorillas entstanden übrigens eher aus der Not heraus. Bis in die 8oiger Jahren hinein wurden Wildfänge aus Afrika in den europäischen Zoos zur Zucht herangezogen. Man kaufte sie über Tierhändler aus Belgien oder Holland an. Anfangs nahm man den weiblichen Tieren ihre Jungtiere weg und zog sie von Menschenhand auf. Doch viele Gorillamütter zogen oft nach dem 2. oder 3. Kind ihre Babys selbst groß. Die Population von Gorillas in den Zoos entwickelte sich rasch zum Erfolg für die Zoos. Inzwischen werden keine Wildfänge mehr benötigt. Im Gegenteil, da Gorillas „wie wir Menschen“ 50:50 weibliche und männliche Tiere gebären, wusste man bald nicht mehr, wohin mit den männlichen Tieren in den Zoos. In den 70igern und 80iger Jahren landeten viele männliche Tiere deshalb abgeschoben aus europäischen Zoos und nicht selten nach Asien verfrachtet in Einzelhaltung. Diese Tiere haben nie gelernt, selbst Kinder aufzuziehen oder sich wie ein Gorilla zu verhalten. Aber das ist eine andere Geschichte, die ich den Lesern meiner Homepage demnächst erzähle.

 

Text:

Heike M. Meyer

 (Alle Angaben ohne Gewähr!) ... da sich ständig in der Zusammensetzung der Gruppen etwas ändert